Hallo Zusammen
Mein Name ist Michel und ich darf mich seit knapp 2.5 Jahren als CCIE (R&S) bezeichnen. Eman hat mich darum gebeten meine Story über den Werdegang zum CCIE zum besten zu geben ;)
Begonnen hat eigentlich alles im Jahr 2005, als ich von meiner vorherigen Firma, bei welcher ich auch meine Ausbildung als Informatiker absolviert habe, zu meiner heutigen Firma gewechselt habe. Bis zu dem Zeitpunkt hatte ich schon gut 5 Jahre im Netzwerk Bereich gearbeitet, war da jedoch primär für das gesamte Netzwerk Management System zuständig. Ich kannte mich zwar leidlich mit Cisco Switches und Routern aus, aber das war eher auf einem CCNA Level. Mit dem Wechsel kam auch die Förderung in Sachen Know How Aufbau in Richtung Cisco und den Cisco Zertifizierungen. Das ging vom CCNA über den CCNP, bei welchem ich bis dahin dachte, mehr als das geht nicht. Bis zu dem Zeitpunkt, als ich mit einem unserer externen Consultants, welcher selber CCIE ist und an der Cisco Academy als Instruktor für die CCIE Workshops gearbeitet hat, über meine Weiterentwicklung gesprochen habe. Er hat mich darauf hingewiesen, dass die Hoch Schule in Rapperswil eine Cisco Academy betreibt, welche 2mal jährlich einen halbjährigen CCIE Workshop anbietet. Der Workshop besteht aus 5x2 Tagen im Abstand von einem Monat und einem fünf tägigen Bootcamp kurz vor der Prüfung. Ich glaube, das war irgendwann im April oder Mai 2007 und der nächste Workshop sollte im August 2007 starten.
Ich ging damit zu meinem Chef und hatte eigentlich nicht damit gerechnet, dass er überhaupt ja sagen würde, der Workshop war immerhin nicht gerade billig und wenn überhaupt dann frühstens im 2008. Zu meiner Überraschung hat mein Chef gleich Ja gesagt und das ganze bei uns intern abgeklärt. Innerhalb von knapp zwei oder drei Wochen hatte ich die Bestätigung und Anmeldung für den Workshop in der Tasche o_O (inkl. einer Verpflichtung der Firma gegenüber versteht sich ;)). Ich hatte zu dem Zeitpunkt nicht wirklich eine Ahnung was mich da erwarten würde, mir war zwar klar, dass die Prüfung zum CCIE schwer ist, aber das war es dann auch. Bis zum ersten Workshop....
Am ersten Tag des ersten Workshops wurde mir zum ersten mal wirklich klar, was ich da auf mich genommen habe. Ich hatte bis dahin zwar eine gewisse (meist theoretische) Ahnung basierend auf den CCNA und CCNP Zertifikaten, aber wirklich produktiv kannte ich z.B. im Routing Umfeld nur OSPF, weder RIP(v2) noch EIGRP oder BGP oder deren IPv6 Varianten hatte ich je in einem produktiven Netz verwendet. Von vielen anderen Dingen, welche im Blueprint vorkommen schon garnicht zu reden. Netterweise hatte mein Chef mir da auch schon versprochen den CCIE als Jahresziel für das Jahr 2008 auf zu nehmen o_O
Die Workshops basierten auf den damals aktuellen Workbooks von INE und bestanden aus einem Mix von praktischen Übungen (aus den Workbooks), der gemeinsamen Auswertung der Übung und Präsentationen der verschiedenen Protokollen von den beiden Instruktoren. Da wir am Workshop nicht nur deutsch sprachige Teilnehmer hatten, sondern auch zwei, welche aus der französisch sprechenden Schweiz kamen, wurden alle Diskussionen und Besprechungen in Englisch gehalten. Die einzelnen Workshops waren Thematisch gegliedert (L2, IGP, EGP, Multicast und so weiter) und wir mussten zwischen den Workshops einerseits die Theorie lernen und andererseits auch die Konfiguration der Themen beherrschen. Für die praktischen Übungen hatten wir die Möglichkeit über ein Reservationssystem auf mehrere Racks der Cisco Academy zu zu greifen, glücklicherweise hatte (resp. habe ich noch immer ;) ), genügend Hardware bei uns im Labor um das Komplette INE CCIE R&S Lab auf zu bauen. Ich hatte somit mein privates CCIE Lab und konnte daher dauerhaft darauf zu greifen ohne irgendwelche Reservationen vornehmen zu müssen.
Nun ja, mein Privat Leben hat sich zu dem Zeitpunkt ziemlich drastisch geändert. Primär aus dem Grund, dass wir durch die Workshops einen ziemlich straffen Zeitplan hatten. Den ganzen Blueprint in knapp 6 Monaten durch zu bringen und auch zu verstehen, geht nun mal nicht ohne grösseren Einsatz von Zeit. Ich hatte zum Glück genügend Rückhalt von meiner Firma, so dass ich mehrheitlich nur noch 4h Arbeiten musste und 4h in die Studien und Übungen investieren konnte, je nach dem ging es nach der Arbeit dann auch noch mehrere Stunden zu Hause weiter. An den Wochenenden habe ich jeweils auch noch mehrere Stunden investiert, diese aber auch gleichzeitig dazu verwendet um mich ein wenig zu erholen und zu entspannen.
Ich glaube zwischen dem zweiten und dritten Workshop sollten wir die schriftliche Prüfung für den CCIE machen, damit wir uns früh genug und kurz nach dem Bootcamp für die Lab Prüfung in Büssel anmelden können. Zu dem Zeitpunkt hatte ich jedoch nicht wirklich das Gefühl, dass ich die schriftliche schon bestehen könnte und es kam wie es kommen musste, auf dem Score Sheet stand: FAILED ;) Ziemlich genervt, aber dafür mit dem Wissen wo meine Schwachpunkte waren, habe ich die Theorie bei den Punkten verstärkt, bei welchen ich zu schlecht war und bin eine Woche später wieder hin.... und es hat geklappt, wenn auch nur knapp 8)
Im März 2008 war es dann soweit, wir waren mit den Workshops fertig und befanden uns in der Intensiv Woche (auch Bootcamp genannt). Wir haben die INE Labs komplett durch gemacht und anschliessend besprochen, die Zeit war noch einmal richtig intensiv, aber zum Glück gab es ein Pub ganz in der Nähe, in welchem sich die meisten von uns am Ende des Tages auf ein paar Bier getroffen haben um über den Tag und alles mögliche zu sprechen. Spass muss schliesslich auch sein ;)
Im April 2008 waren dann drei von uns das erste mal in Brüssel, ich bin am Vorabend der Prüfung direkt von Basel nach Brüssel geflogen und hatte das NH Hotel gleich beim Cisco Campus gebucht. Das Hotel war zwar nicht gerade billig, aber die Nähe zum Campus war mir das wert. Qualitativ war das Hotel ziemlich gut, aber leider habe ich in der Nacht vor der Prüfung vielleicht 2-3h geschlafen, entsprechend gerädert war ich dann am Morgen der Prüfung. Wir hatten uns in der Lobby des Cisco Gebäudes getroffen und durften auf den Proctor warten, bis es dann endlich zum Prüfungsraum ging. Pünktlich auf die Minute ging es dann am Mittag zum Essen, welches ich nicht wirklich geniessen konnte, ich hatte aus lauter nervosität keinen Hunger o_O Der Nachmittag ging genauso schnell vorbei wie der Morgen, glücklicherweise war ich ca eine Stunde vor Ablauf der Zeit fertig und habe den grössten Teil der Prüfung noch einmal durch gehen können (und die Konfigurationen sicher ca 10mal abgespeichert...). Die Prüfung habe ich mit einem ziemlich guten Gefühl verlassen, da ich bis auf ein oder zwei Punkte alles erfüllen konnte. Schlafen konnte ich an dem Abend trotzdem lange nicht, da ich dauernd meine Emails abgerufen habe um zu überprüfen ob das Email von Cisco schon angekommen ist. Angekommen ist es dann trotzdem erst als ich schon geschlafen habe und am Morgen, als ich auf den Bus zum Flughafen gewartet habe, habe ich dann auch das Ergebniss erfahren: FAILED, wieder mal und Cisco hat 1400 CHF für das Mittagessen bekommen ;) Basierend auf dem ScoreSheet und dem was ich von der Prüfung noch in Errinerung hatte, konnte ich ziemlich genau rekonstruieren wo meine Fehler waren und bemerkt, dass mir wirklich nur ganz wenige Punkte gefehlt haben...
Zurück zu Hause habe ich mich so schnell es ging wieder angemeldet um das ganze, so lange alles noch frisch war, zu wiederholen. Ziemlich genau ein Monat später war ich wieder in Brüssel, am selben Ort. Viel Zeit mit Studien habe ich zwischen den beiden Versuchen nicht verbracht, nur ein paar Punkte noch einmal überprüft. Der Morgen lief nicht gerade nach meinen Vorstellungen, vor Mittagspause sass ich an einer Aufgabe, welche ich zu dem Zeitpunkt einfach nicht lösen konnte. Glücklicherweise habe ich dann dank dem Proctor eine Stunde Aufschub, in Form des Mittagsessen, bekommen und siehe da während dem Essen ist mir die Lösung für die Aufgabe in den Sinn gekommen :) Gegessen habe ich auch da nicht viel, aber immerhin konnte ich die Pause sinnvoll nützen.. Mit dem Ablauf waren da leider noch immer zwei offene Aufgaben, welche ich einfach nicht lösen konnte... mit einem entsprechend schlechten Gefühl bin ich wieder ins Hotel und habe gepackt. In Gedanken schon dabei, was ich besser machen kann, respektive wo ich noch einmal ansetzen sollte.
Tja am Morgen dannach war dann wieder besagtes Mail mit dem Link zur Cisco Seite im Kasten. Drauf geklickt und angemeldet mit der Erwartung ein weiteres FAILED zu sehen..... Aber nix da, ich hatte die Prüfung bestanden und auch gleich meine Nummer (20278) erhalten ;-) Zeit zum feiern! Dank der ganzen Vorbereitung verstehe ich heute die Zusammenhänge zwischen den Protokollen wesentlich besser und kann, auch wenn ich bei bestimmten Dingen zuerst nachschauen muss, relativ schnell sagen ob ein Design funktioniert oder wie man eine Herausforderung lösen kann. Im Job habe ich nun wesentlich mehr mit dem Design zu tun als früher und zur Zeit arbeite ich gerade an einem QoS Design für unser Weltweites WAN.
Es hat sich gelohnt :)
Heute, ca 2.5 Jahre und eine Rezertifizierung später, wünsche ich mir manchmal die Zeit der Vorbereitung zur Prüfung zurück. Es gab wohl nie in meinem Leben eine Zeit in der ich in so wenig Zeit soviel gelernt und dabei trotzdem so viel Spass hatte.
An dieser Stelle würde ich mich gerne bei unseren beiden Instruktoren der Cisco Academy in Rapperswil, William Boye und Rolf Schärer und auch bei den anderen Workshop Teilnehmern bedanken. Danke!
Michel Grossenbacher
CCIE# 20728 (R&S)